Geschichtliches zur Charité und der Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde in Berlin

Um die Jahrhundertwende gab es an der Berliner Universität für die Fächer Otologie einerseits und Rhino-Laryngologie andererseits insgesamt 3 Kliniken:

Die älteste, 1874 gegründete Fachklinik war eine Ohrenklinik. Sie stand unter der Leitung von Professor August Lucae und befand sich von 1881 an im „Universitätsklinikum Ziegelstraße“. Die beiden anderen Kliniken entstanden etwa 20 Jahre später am „Klinikum Charité“, eine Hals-Nasenklinik und eine weitere Ohrenklinik. Im Wintersemester 1893/94 wurde in der Charité erstmals eine Station für Hals- und Nasenkranke mit 32 Betten und eine stationäre Abteilung für Ohrenkranke mit 28 Betten eröffnet. Zu dirigierenden unbesoldeten Ärzten ernannte der Minister für geistliche Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten durch einen Erlass vom 26.10.1893 den außerordentlichen Professor Sanitätsrat Bernhard Fränkel als Leiter der laryngologischen Station und den Generalarzt a. D. Moritz Trautmann als Leiter der Ohrenabteilung.

Damit begann an der Charité die stationäre klinische Behandlung von Hals-, Nasen- und Ohrenkranken in speziell dafür vorgesehenen Einrichtungen. Diesem Ereignis gingen jahrzehntelange Bemühungen um die Anerkennung und Verselbständigung der Spezialgebiete voraus. Auch nach dem Jahre 1893 war es noch ein weiter Weg bis zur Errichtung selbstständiger Ordinariate. Die Vereinigung dieser Teilgebiete erfolgte an der Charité erst relativ spät im Jahre 1922.

Die in Deutschland einzigartig wechselvolle Geschichte der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde an der Königlichen Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin (1810 - 1945) und späteren Humboldt-Universität (ab 1945) und der Charité soll im folgenden nachgezeichnet werden.

Die Geschichte des Charité-Krankenhauses

Außerhalb der Stadtgrenzen Berlins vor dem Spandauer Tor wurde im Jahre 1710 angesichts einer drohenden Pestepidemie ein sogenanntes »Pesthaus« errichtet. Da die preußische Hauptstadt von der Epidemie verschont blieb, wurde es der Armen-Direktion der Stadt unterstellt und in den folgenden Jahren als Hospital für verarmte Personen und für die Garnison genutzt.

Bereits ab 1726 diente dieses Hospital als praktische Unterrichtsstätte für das Collegium medico-chirurgicum, einer Ausbildungsstätte für Militärärzte. Gleichzeitig blieb es aber Krankenhaus für die Berliner Bevölkerung. In Berlin gab es bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine praxisorientierte Ausbildung am Patientenbett. Dies war damals nur in wenigen deutschen Krankenhäusern üblich.

Im Jahre 1727 verfügte der König Friedrich Wilhelm I. (1688 - 1740): »Es soll das Haus Charité heißen.«

Die zunehmende soziale Verarmung der Berliner Bevölkerung und die wachsende Zahl von Einweisungen von Kranken durch die Armendirektion brachten es mit sich, dass schon bald die ursprünglichen Gebäude den räumlichen Anforderungen nicht mehr genügten. Um diesem Umstand Rechnung zu tragen, wurde in den Jahren 1785 bis 1800 im Charité-Gelände ein großes, langgestrecktes, dreistöckiges Gebäude erbaut, welches dem Ausstattungsstand anderer Krankenhäuser europäischer Großstädte entsprach und 680 Betten umfasste.

Als Direktor des Collegium medico-chirurgicum und königlicher Leibarzt wurde 1801 Christoph Wilhelm Hufeland (1762 - 1836) nach Berlin berufen. Er wurde auch nach Gründung der Berliner Universität im Jahre 1810 erster Dekan der Medizinischen Fakultät. Zu dieser Zeit existierten in der Charité neben dem Klinischen Institut des Collegium medico-chirurgicum bereits Kliniken für Chirurgie und Augenheilkunde.

Mit der Gründung der Berliner Universität unter Leitung von Wilhelm von Humboldt (1767 - 1835) entstanden, vorrangig für die studentische Ausbildung, mehrere neue Kliniken und Institute unabhängig von den bestehenden Einrichtungen der Charité. Die Medizinische Fakultät der Universität vertrat zunächst die Ansicht, dass das große Patientengut der Charité den im klinischen Unterricht Auszubildenden eher verwirren würde. Man erkannte jedoch schon bald die Nachteile der teilweise in Mietshäusern untergebrachten Universitätskliniken und versuchte, diese im Jahre 1818 in einem Gebäudekomplex in der Ziegelstraße zusammenzulegen.

10 Jahre später wurde dann aber das in der Ziegelstraße entstandene Medizinische Institut der Friedrich-Wilhelm-Universität ins Charité-Gelände verlegt. Die völlige Zusammenführung der klinischen Einrichtungen der Militärärztlichen Akademie an der Charité mit den Einrichtungen der Medizinischen Fakultät der Berliner Universität erfolgte jedoch erst im 20. Jahrhundert.

Die unterschiedliche Zugehörigkeit der Kliniken zur Charité bzw. zur Universität ist bei der Betrachtung der Berliner Medizingeschichte oft verwirrend.

Durch Persönlichkeiten wie den Anatomen und Physiologen Johannes Müller (1801 - 1858), den Internisten Lucas Schoenlein (1793 - 1864), die Chirurgen Johann Friedrich Dieffenbach (1792 – 1847) und Bernhard von Langenbeck (1810 - 1887) und viele andere kam es zur Herausbildung der sogenannten Berliner Medizinischen Schule, die sich nicht allein die theoretische Unterrichtung zukünftiger Ärztegenerationen zur Aufgabe machte, sondern auch bestrebt war, viele bisher nur empirische Erkenntnisse auch wissenschaftlich zu untermauern. Damit begann Berlin, sich zu einem führenden europäischen Zentrum der Medizin zu entwickeln.

Die wachsenden Aufgaben in Lehre und Forschung hatten immer wieder Zweifel darüber aufkommen lassen, ob und inwieweit ihre Kliniken noch wie früher verpflichtet wären, bedürftige Kranke aus Berlin unentgeltlich oder zu ermäßigten Kostensätzen aufzunehmen. Deshalb hatte ein Regulativ aus dem Jahre 1830 festgelegt, dass das Kuratorium des Charité-Krankenhauses allen Armen aus Berlin und Potsdam kostenlosen Aufenthalt in der Charité zu gewähren hätte.

Im Gegensatz zu den städtischen Krankenhäusern Berlins gab es in den Kliniken der Medizinischen Fakultät schon im 19. Jahrhundert eine Klasseneinteilung. Selbstzahler mussten einen zweimonatigen Vorschuss und gegebenenfalls eine Kaution von 300 Mark entrichten. Nach Einführung der Krankenversicherung 1883 schloss die Charité Verträge mit den Versicherungsträgern ab, von denen sie die festgelegten Richtsätze für behandelte Kassenpatienten erstattet bekam. Die Betreuung der Kassenpatienten und die sanitär-hygienischen Verhältnisse in dem Universitätsklinikum und in der Charité waren jedoch schlecht. Als alle Reklamationen nichts halfen, wurde im August 1893 die Boykottierung der Charité beschlossen. Die von einer Kommission der Krankenkassen aufgestellten Postulate betrafen die Baulichkeiten, die Krankenbetreuung und den Neubau der Charité. Die Forderungen zur Krankenbehandlung reichten von der Anstellung eines ausreichenden und geschulten Wartepersonals über freundliche und liebevolle Behandlung der Patienten unter Schonung ihres Schamgefühls bis zur schnellen Ausführung der ärztlichen Verordnungen und der völligen Entscheidungsfreiheit der Kranken bezüglich ihrer Vorstellung im medizinischen Unterricht und der Wahl ihrer Lektüre. Aufgrund des Boykotts ging die Zahl der in der Charité eingewiesenen Kassenpatienten 1893/94 beträchtlich zurück. In der Folgezeit wurden die gröbsten Mängel abgestellt und der längst fällige Neubau der Charité definitiv beschlossen.

Basierend auf neuesten naturwissenschaftlichen und technischen Kenntnissen gelang es Ende des 19. Jahrhunderts, durch die Vervollkommnung der Untersuchungsmethoden einen raschen Erkenntniszuwachs in vielen Bereichen der Medizin zu erlangen, der wiederum zur zunehmenden Spezialisierung und Herausbildung eigenständiger Fachgebiete und damit zur Bildung neuer Kliniken und Institute führte. Mit dem um die Jahrhundertwende von Ministerialdirektor F. Althoff (1839 - 1908) geleiteten Neubau fast sämtlicher Charité-Gebäude wurde dieser Entwicklung auch räumlich Rechnung getragen.


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Von den Anfängen der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde in Berlin

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann die Ohrenheilkunde sich zu einem selbständigen Fach zu entwickeln. Bis dahin lag der größte Teil der stationären Ohrenkranken in der Chirurgischen Klinik. Beginnend im Wintersemester 1822/23 las J. C. Jüngken (1793 - 1875) mehrere Semester über die Krankheiten des Gehörs an der Berliner Universität. Während der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts übernahmen die Behandlung der Ohrenkranken an der Universität unter anderem J. Erhard (1826 - 1873) und außerhalb der Universität W. Kramer (1801 - 1875). Aber auch andere chirurgisch tätige Ärzte, wie Edmund Dann (1805 - 1851), Robert Froriep (1804 - 1861) und Eduard Adolf Graefe (1794 - 1850) waren daran beteiligt oder hielten Vorlesungen.

Wichtig für die Entwicklung des Fachgebietes war auch der Einfluss der Berliner Medizinischen Schule. Neueste Erkenntnisse der Anatomie, Physiologie, Inneren Medizin, Augenheilkunde und Chirurgie förderten auch das Wissen um Morphologie und Pathophysiologie der Erkrankungen des Ohres. Erwähnt seien hier vor allem Johannes Müller (1801 - 1858) und Hermann von Helmholtz (1821 - 1894). Hermann v. Helmholtz hatte erstmalig versucht, die Schalleitungsprozesse im Mittelohr mechanisch zu definieren. Der Chirurg Ernst von Bergmann (1836 - 1907) leistete wichtige Beiträge sowohl zur operativen Therapie der Mittelohrentzündungen als auch zum Vorgehen bei otogenen intrakraniellen Komplikationen. Der Beginn der Otiatrie als eigene Disziplin ist eng verbunden mit den verbesserten Möglichkeiten zur Untersuchung des Gehörorgans durch die von Friedrich Hoffmann (1806 - 1886) beschriebene und von Anton v. Tröltsch (1829 - 1890) in die klinische Praxis eingeführte Methode der Spiegeluntersuchung des Ohres mittels eines Reflektors.

Obwohl bereits J. Erhard nach seiner Habilitation für Ohrenheilkunde ab 1861 otiatrische Vorlesungen hielt, war es doch vor allem Johann Constantin August Lucae (1835 - 1911), der eine wissenschaftlich fundierte Otiatrie in Berlin etablierte. Die Erfolge, die er in seiner 1867 mit eigenen Mitteln eröffneten Ohrenpoliklinik in der Wilhelmstraße 56 und ab 1871 am Tierarzneischulplatz 3 aufzuweisen hatte, führten dazu, dass an der Friedrich-Wilhelm-Universität zu Berlin im Jahre 1874 eine erste staatliche Ohrenpoliklinik Preußens eingerichtet und Prof. Lucae unterstellt wurde. Ein erster Antrag von Lucae auf Errichtung einer mit einer Poliklinik verbundenen Abteilung für Ohrenkranke im Charité-Krankenhaus war 1871 vom Minister für geistige Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten abgelehnt worden mit der Begründung, dass die Etablierung einer neuen Klinik im Charité-Krankenhaus nicht zulässig sei und dass dem Universitätsklinikum dafür auch keine geeigneten Räume zur Verfügung ständen. Das konsequente Streben Lucaes nach einer solchen Einrichtung dürfte neben seinen überzeugend hohen Patientenzahlen aus der privaten Praxis letztendlich dann doch zur Meinungsänderung im Ministerium beigetragen haben.

Aufgrund völlig unzulänglicher räumlicher Verhältnisse in der Universitätspoliklinik verlegte man bereits 1881 die Ohrenpoliklinik in den Neubau des Universitätsklinikums in der Ziegelstraße 5-9. Dabei fanden Ohrenpoliklinik und die Klinik im Erdgeschoss des westlichen Seitenflügels ihren Platz. Diese neu geschaffene stationäre Ohrenabteilung war die erste ihrer Art in Deutschland und verfügte über 20 Betten. Später kam ein Hörsaal, ein auf der Spreeseite gelegener Operationssaal und ein kleines Laboratorium mit Sammlungszimmer hinzu.

Welche Bedeutung die Fachvertreter den Kenntnissen über Ohrerkrankungen beimaßen, mag aus der Tatsache ersichtlich werden, dass bereits 1873 an den Reichskanzler ein Antrag gestellt wurde, die Ohrenheilkunde zum Prüfungsfach im Staatsexamen zu machen, was jedoch abschlägig beschieden wurde. Die Unterzeichner waren Lucae, Jakobson, Baginsky und Trautmann. Es dauerte dann in Berlin noch 30 Jahre, bis die Ohrenheilkunde im Jahre 1903 obligatorisches Unterrichtsfach wurde.

Während die Ohrenheilkunde aus der Chirurgie hervorgegangen war, hatte die Laryngologie ihren Ursprung mehr in der Inneren Medizin. Auch die Laryngologie konnte sich erst eigenständig entwickeln, als ein geeignetes Instrumentarium zur Untersuchung des erkrankten Kehlkopfes zur Verfügung stand. Das von Ludwig Türck (1810 - 1868) entwickelte und durch Johann Nepomuk Czermak (1828 - 1878) vervollkommnete Instrumentarium, vorgestellt auf vielen Vortragsreisen, u.a. auch in Berlin, regte auch hier Internisten zur intensiveren Beschäftigung mit der neuen Methode an.

G. R. Lewin (1820 - 1896), Internist und späterer Dermatologe, bot im Wintersemester 1862/63 erstmals im Zusammenhang mit der Lehre der Auskultation und Perkussion die Technik der Laryngoskopie in Kursen an und behandelte Kehlkopferkrankungen in Vorlesungen. Zwar hatte bereits 1850 Ludwig Traube (1818 - 1876) eine Vorlesung über die Symptome und die Diagnostik der Erkrankungen des Respirationstraktes und des Kreislaufs gehalten, konnte damals jedoch nur recht unbefriedigende Untersuchungsmethoden demonstrieren. In den folgenden Jahren erfreuten sich Laryngoskopiekurse, u.a. abgehalten von A. Tobold (1827 - 1907), 0. Fraentzel (1838 - 1894), H. Böse (1840 - 1900) und L. Waldenburg (1837 - 1880), großer Beliebtheit, wobei Tobolds Fähigkeiten, die Erkrankungen des Kehlkopfes zeichnerisch darzustellen, unter den Studenten besondere Anerkennung fanden.

1872 kündigte der in Berlin als Spezialarzt für Brust- und Halskrankheiten niedergelassene Arzt Bernhard Fränkel (1836 - 1911) erstmalig eine Vorlesung über die Krankheiten von Larynx, Pharynx und Nase sowie einen Kurs für Rhino-Laryngoskopie an. Eine ständig wachsende Patientenzahl und die Weiterentwicklung von Diagnostik und Therapie in dieser Disziplin ermöglichten es Fränkel ab 1884, sich ganz überwiegend auf diesem Gebiet zu betätigen.

Im Jahre 1887 wurde an der Friedrich-Wilhelm-Universität ein eigenständiges poliklinisches Institut für Laryngologie und Rhinologie in den Räumen des Mietshauses Luisenstraße 59 eingerichtet, dessen Leitung man dem inzwischen als Spezialisten in Berlin bekannten Bernhard Fränkel übertrug.

Obwohl das poliklinische Institut stark frequentiert wurde, galten andererseits stationäre Bedingungen als Vorraussetzung für intensivere klinische Arbeit, die die Möglichkeit bot, auch erforderliche Eingriffe bei den oft gefürchteten Kehlkopferkrankungen durchzuführen. Deshalb wurde bereits 1888 zur Schaffung einer eigenen Klinik gedrängt. Diesem Vorhaben stimmte die Fakultät zunächst jedoch nicht zu. Die Ablehnung erfolgte 1888, also im gleichen Jahr, in dem der deutsche Kaiser Friedrich III. (1831 - 1888) nach erbittertem wissenschaftlichem Streit über das richtige therapeutische Vorgehen an den Folgen seines Kehlkopfkarzinoms verstarb.

Auch wenn die vorhandenen räumlichen Möglichkeiten sowohl in der Universitätsklinik als auch in der Charité der Schaffung neuer klinischer Abteilungen in der Tat enge Grenzen setzten, zwangen die allgemeine Entwicklungstendenz, der rasch fortschreitende Erkenntniszuwachs und die stetig steigenden Patientenzahlen in der Otologie und Rhino-Laryngologie schließlich doch zur Schaffung eigenständiger klinischer Abteilungen für diese Spezialgebiete.

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Die Gründung der klinischen Abteilung für Hals- und Nasenkranke sowie für Ohrenkranke an der Charité im Jahre 1893

Das Ausscheiden von Prof. 0. Fraentzel, des Leiters der »Nebenabteilung für innerlich kranke Männer« im Gebäude der Alten Charité zum Wintersemester 1893/94 bot endlich die Gelegenheit, durch eine neue Aufteilung der Räume an der Charité klinische Abteilungen für Hals- und Nasenkranke und für Ohrenkranke zu schaffen.

Zu dirigierenden unbesoldeten Ärzten wurde durch ministerielle Verfügung vom 26.10.1893 die Herren Geheimen Medizinalräte und Professoren Moritz Trautmann und Bernhard Fränkel ernannt. Ihnen wurde auch die Erlaubnis erteilt, die Abteilungen zu theoretischen und praktischen Kursen und zur Abhaltung von klinischem Unterricht zu nutzen. Zum 11.1.1894 wurde beiden Professoren der Lehrauftrag erteilt.

Über die räumlichen Bedingungen für die neuen Abteilungen im Gebäude der Alten Charité, das ohnehin wenige Jahre später dem Neubau weichen musste, gibt es nur wenige Dokumente.

Für die Einrichtung der Abteilungen durfte der ohnehin knappe Etat der der Armendirektion unterstehenden Charité nicht zusätzlich belastet werden. Das war auch die Ursache für deren äußerst spärliche Ausstattung.

Zur Ohrenklinik gehörten im I. Stock zwei Zimmer mit insgesamt 15 Betten als »Männerabteilung« und am entgegengesetzen Ende des Gebäudes im II. Stock die sogenannte »Weiberabteilung«, die 3 Räume mit insgesamt 16 Betten umfasste. Ebenfalls im II. Stock befand sich ein Operationszimmer und ein kleiner Vorbereitungsraum. Als Inventar dieses Ohrenoperationsraumes sind in einer Liste angeführt:

1. die Wasserleitung,
2. ein Wasserstrahlgebläse zum Katheterisieren,
3. ein aseptischer Instrumentenschrank,
4. ein aseptischer Tisch mit Rollen, der sowohl dem Transport von Verbandsmaterial als auch als Operationstisch diente,
5. Sterilisierungsapparate und
6. zwei Akkumulatoren für Beleuchtung und Galvanokaustik.

Zu den häufigsten operativen Eingriffen zählten Antrotomien und Mastoidektomien, denen damals entscheidende Bedeutung zur Verhinderung der gefürchteten intrakraniellen Komplikationen zukamen. Neben Prof. Trautmann waren immer ein Unterarzt und ein Stabsarzt in der Klinik tätig. Insbesondere zu Grippeepidemiezeiten war die Ohrenabteilung mit ihren wenigen Betten sehr schnell überfüllt, sodass einige Patienten vorübergehend auch in anderen Abteilungen untergebracht werden mussten.

Auch die unter der Leitung von Prof. Fränkel stehende Halsabteilung wurde im Gebäude der Alten Charité untergebracht. Hier fanden auch Untersuchungskurse am Patienten satt.

Zum Lehrbetrieb gehörten die tägliche Vorstellung ambulanter Patienten, die Einführung in die Therapie der Kehlkopferkrankungen sowie die Vorlesungen, die Fränkel 3 x wöchentlich über die »Klinik der Krankheiten des Kehlkopfes, des Schlundkopfes und der Nase« in der Klinik oder auch in der Poliklinik hielt.

Neben einem Männersaal mit 14 Betten gehörte zu dieser Abteilung ein heller, luftiger Männersaal mit 11 Betten für Phthisiker, sowie ein »Frauenzimmer« mit 8 Betten, in dem notfalls noch 2 Kinderbetten aufgestellt werden konnten.

Insgesamt waren die Bedingungen in der Alten Charité sehr bescheiden. Auch die Aufzeichnungen verschiedener Zeitzeugen dokumentieren dies. Für die Kranken stellten die engen, niedrigen und schlecht ventilierten Räume eine zusätzliche Belastung dar. Bei der Konzeption eines Klinikneubaus im Rahmen des Gesamt-Charité-Neubaus sollten diese Widrigkeiten aber relativ bald behoben werden.

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Die im Rahmen des Charité-Neubaus ab 1901 entstandene Hals-Nasenklinik und Ohrenklinik an der Charité

Im Rahmen des 1897 bewilligten Um- und Ausbaus der Charité unter dem Ministerialdirektor im preußischen Kultusministerium Friedrich Althoff wurden für 11 Kliniken insgesamt 1247 Betten geschaffen. Zu den ersten 1901 fertiggestellten Gebäuden gehörten neben dem Verwaltungsgebäude und der Kapelle (nicht mehr vorhanden) auch das Gebäude Luisenstraße 13a, das fortan sowohl die Hals-Nasenklinik als auch die Ohrenklinik aufnehmen sollte.

Das am 4. Mai 1901 eröffnete neue Gebäude entsprach damals den modernsten bautechnischen Gesichtspunkten. Die Patientenzimmer befanden sich an der Südseite, die Operationssäle aus Beleuchtungsgründen an der Westseite. Im Erdgeschoss war die von beiden Disziplinen genutzte Poliklinik mit getrennten Eingängen und ein kleiner gemeinsam zu nutzender Hörsaal.

Zudem existierte eine wertvolle Sammlung von morphologischen und pathologischen Präparaten, Büchern, Zeitschriften sowie Modelle zur Veranschaulichung der Unterrichtsinhalte. Zugang zu den Polikliniken hatte man von der Luisenstraße, die Kliniken konnten vom Charité-Gelände aus betreten werden. Die Fränkelsche Halsklinik mit 19 Betten befand sich im ersten Stock und war die erste Halsklinik in Deutschland überhaupt. Trautmanns Ohrenklinik mit 17 anstelle von zuvor 32 Betten im Gebäude der Alten Charité war im zweiten Stock untergebracht. Der gesamte Personalbestand beider Kliniken betrug 12 Personen.

Die Universitätspoliklinik für Hals- und Nasenkranke, die sich zuvor in der Luisenstr. 59 befand, wurde jetzt geschlossen.

Über die Arbeitsplätze in den neuen Räumen findet man im Zentralblatt der Bauverwaltung von 1902 folgende Beschreibung: »Eigenartige Einrichtung hatte das Abfertigungszimmer der Hals- und Nasenpoliklinik erhalten, wo die Untersuchungen vorzugsweise mit Hülfe künstlicher Beleuchtung stattfinden. Es sind hier an den Wänden halbhohe Scheidewände angeordnet, zwischen denen je ein oder zwei Kranke und der behandelnde Arzt Platz nehmen. Der Arzt sitzt nahe der Zimmerwand, der Patient vor ihm, sodass die Untersuchung des Kehlkopfes oder der Nase mit Hülfe elektrischen Lichtes oder von Spiegelinstrumenten sich leicht bewirken lässt.«

Während Fränkels Angaben zufolge im ersten Jahr 4510 Patienten die Poliklinik konsultierten, stieg die Zahl 1908 bereits auf 7089 Patienten. Zweimal wöchentlich wurden die Studenten in der Klinik über Krankheiten von Nase, Schlund und Kehlkopf unterrichtet und ebenso regelmäßig fanden Kurse für Laryngoskopie und Rhinoskopie statt. Auch die Objekte der wissenschaftlichen Sammlung, über die die Klinik verfügte, wurden für Demonstrationszwecke in der klinischen Ausbildung genutzt. Zu den Prüfungen mussten die Studenten ihre entsprechenden Praktikantenscheine vorweisen können.

Die Ohrenklinik im neuen Gebäude mit ihren nun 17 Betten erwies sich für den Anfall aufzunehmender Patienten sehr bald als zu klein. Trotz der Aufstellungsmöglichkeit von maximal 6 Notbetten genügte die Kapazität nicht.

Bereits 1904 beschloss man daher, die Ohrenpoliklinik ins Hauptgebäude der Charité zu verlagern, wo man insgesamt 4 für Männer und Frauen getrennte Behandlungszimmer und einen Operationssaal einrichtete. Für die diensthabenden Ärzte stellte der Weg zwischen Klinikgebäude und Poliklinik eine zusätzliche Belastung dar. Doch die Auslagerung der Ohrenpoliklinik ermöglichte der Klinik eine Aufstockung auf 31 Betten, die Einrichtung eines Verbandszimmers, eines Desinfektionszimmers sowie eines Raumes für photographische Zwecke. Allerdings brachte auch diese Maßnahme nur eine vorübergehende Besserung der räumlichen Situation. In der 1913 von Politzer herausgegebenen Geschichte der Ohrenheilkunde findet man Hinweise auf erhebliche bauliche Mängel an dem fast noch neuen Klinikgebäude.

Im November 1902 wurde Karl Adolf Passow (1859 - 1926) zum Nachfolger von Prof. Trautmann als ordentlicher Professor der Kaiser-Wilhelm-Akademie berufen. Im Jahre 1906 ernannte man ihn auch zum Nachfolger Lucaes an der Universitätsohrenklinik in der Ziegelstraße. Mit dieser Personalunion bot sich die Möglichkeit, die Universitätsohrenklinik und die Ohrenklinik in der Charité zusammenzuführen. Die Lucaesche Universitätsohrenklinik in der Ziegelstraße galt unter den Patienten für vornehmer als die 1901 eröffnete Ohrenklinik der Charité, die aus dem ehemaligen Armenkrankenhaus hervorgegangen war.

Trotz räumlicher Unzulänglichkeiten waren die Vorlesungen bereits 1906 an die Charité verlegt worden. Passow standen hier für seine klinische Tätigkeit mehr Betten und auch bessere Vorraussetzungen für die Ausbildung der Studenten zur Verfügung. Der Vorlesungsbesuch war ab 1903 obligatorisch und schloss für die Studenten mit einem Examen ab. Dadurch erhöhte sich die Zahl der Zuhörer in den ohnehin sehr kleinen Vorlesungsräumen.

Eine bedeutende Neuerung an der Ohrenklinik war das 1906 gegründete physiologische Laboratorium unter Leitung des Privatdozenten K. L. Schaefer (1867 - 1931). Dadurch hatten auch die Assistenten der Klinik die Möglichkeit zur Forschung. Erfolgreiche Arbeit weisen die Publikationen der Folgejahre aus.

Theodor Flatau (1860 - 1937) lehrte ab 1908 vier mal wöchentlich die Schwerhörigen das Absehen vom Munde und begründete damit die phonetische Abteilung für Ertaubte und hochgradig Schwerhörige. Zur selben Zeit übernahm B. Oertel (1871 - 1938) im Erdgeschoss eine klinikeigene Röntgenabteilung. Dies erleichterte die frühzeitige Anwendung dieser neuen diagnostischen Methode bei Ohrenerkrankungen und die Früherkennung von Komplikationen.

Auch die poliklinische Abteilung für Stimmkrankheiten unter dem Privatdozenten J. Katzenstein (1864 - 1922) gehörte zur Ohrenklinik der Charité. Mit diesen neuen Abteilungen nahm die wissenschaftliche Otiatrie in Berlin einen bedeutenden Aufschwung.

Parallel dazu erweiterte sich der Umfang der klinischen Arbeit. Im Fakultätsjahr 1909/10 wurden in der Passowschen Klinik 4767 ambulante und 366 stationäre Patienten behandelt.

Eine Erweiterung der Universitätsohrenklinik war zwar seit langem als notwendig erachtet worden, jedoch ein Ausbau in der Ziegelstraße nicht mehr möglich. So konnte Passow, der auch behandelnder Ohrenarzt des deutschen Kaisers war, dank seiner Durchsetzungsfähigkeit gegenüber dem Preußischen Finanzministerium und seiner Beziehungen an höchster Stelle die Erweiterung des bestehenden Gebäudes in der Luisenstraße durch einen großzügigen Neubau der Ohrenklinik erreichen, der aber erst 1912 fertiggestellt war. Dafür mussten u.a. die Beamtenhäuser Luisenstraße 12/13 leer gezogen und abgerissen werden.

Mit dem im August 1912 fertiggestellten Erweiterungsbau erhöhte sich die Bettenzahl der Ohrenklinik auf 50. Der Neubau bestand aus einem Sockelgeschoss, dem Erdgeschoss, zwei Stockwerken sowie einem ausgebauten Dachgeschoss. Im Sockelgeschoss waren neben Beamtenwohnungen Versuchsräume der physiologischen und phonetischen Abteilungen untergebracht. Im Erdgeschoss lagen die Poliklinik und der Hörsaal mit 145 Sitzen, in dem die Vorstellung ambulanter Patienten erfolgte sowie Räume, in denen die ambulante Nachbetreuung der entlassenen stationären Patienten möglich war. Im ersten Stock befand sich die »Männerabteilung« mit 20 Betten, Laboratorien und das Direktorzimmer. Im zweiten Stock waren neben einer ebensogroßen »Frauenabteilung« die Operationsräume und über der laryngologischen Klinik im sogenannten Altbau 10 Kinderbetten untergebracht. Wohn- und Schlafräume für das Personal lagen im Dachgeschoss neben den Räumen der Foto- und Röntgenabteilung. Mit Hilfe eines elektrischen Fahrstuhls konnten die Patienten transportiert werden.

Dem heutigen Betrachter fällt die Unterscheidung zwischen Altbau und Erweiterungsbau schwer, da die äußere Architektur mit der charakteristischen hellroten Ziegelverblendung ideal angepasst wurde.

Zwischen den beiden Klinikdirektoren Fränkel und Passow bestanden erhebliche Rivalitäten. Dementsprechend war das alte Gebäude mit dem Erweiterungsbau der Ohrenklinik nur durch einen schmalen Gang miteinander verbunden, der unter den Mitarbeitern schon bald »Eustachische Röhre« genannt wurde. Auch als 1911 Gustav Killian (1860-1921) den Lehrstuhl Fränkels übernahm, kam es zu keiner weiteren Annäherung der Kliniken und ihrer Direktoren. Vielmehr zeugen noch heute zahlreiche Anekdoten von den damaligen Zwistigkeiten. Dies führte soweit, dass Passow 1912 in einem Schreiben an die Königliche Charité-Direktion sich über die nur unvollständige Trennung der Kliniken beschwerte und sich auch dienstliche Besuche von Mitarbeitern der Hals-Nasenklinik in den Räumen der Ohrenklinik verbat.

Passow engagierte sich auch für seine ohrenkranken Patienten, indem er sich persönlich darum bemühte, unabhängig von der Laryngologischen Klinik einen Garten für die genesenden Ohrenkranken zu erhalten. Tatsächlich wurde ihm 1911 von der Chirurgischen Klinik ein Gartenteil im Charité-Gelände abgetreten.

Unter Killians Leitung erfolgte die Erweiterung des Hörsaals der Laryngologischen Klinik unter Hinzunahme des Flurs um 30 Plätze. Mit Gustav Killian waren W. Albrecht, und M. Weingärtner aus Freiburg nach Berlin gekommen. Außerdem setzte sich Killian dafür ein, dass das 1907/08 in der Ziegelstraße 18/19 begründete Gutzmannsche Ambulatorium für Sprachstörungen in seine Poliklinik an der Charité übersiedelte.

In der Zeit des ersten Weltkrieges wurde die über der Laryngologischen Klinik befindliche Kinderabteilung als Lazarettabteilung mit 30 Betten umfunktioniert. Die Kinderbetten verteilte man auf die übrigen Stationen der Ohrenklinik. Die Krankenzimmer waren fast ständig überbelegt, sodass auch die Tagesräume und ein Sammlungszimmer zur Unterbringung von Kranken genutzt wurden.

Die verstümmelnden Gesichtsverletzungen als Kriegsfolgen machten die Schaffung einer Abteilung für Gesichtsplastik dringend erforderlich. Da diese Abteilung möglichst in der Nähe des Lazaretts sein sollte, suchte man nach Möglichkeiten, die Kinderabteilung ganz aus der Klinik herauszuverlagern. Im Gebäude Luisenstraße 11, welches bis dahin als Büro der Charité-Bauverwaltung diente, wurden die kranken Kinder untergebracht. Später wirkte in diesen Räumen Jacques Joseph (1865 - 1934) als Leiter der Abteilung für Gesichtsplastik bis zu seinem Weggang in die Niederlassung 1922. Die Abteilung wurde danach geschlossen. Da in Berlin mehrere berühmte Ärzte den Namen Joseph trugen, unterschied man sie im Volksmund durch den Zusatz ihres jeweiligen Spezialgebietes und so wurde der »Nasen-Joseph« kurzerhand »Noseph« genannt.

Die steigende Zahl der Patienten mit Wundrose und die damals noch häufig auftretenden Infektionskrankheiten wie Masern, Scharlach und Diphtherie machten die Schaffung einer Infektionsabteilung der Hals-Nasenklinik unaufschiebbar, die sich als sogenannte »Halsnebenabteilung« im ersten Stock des nördlichen Restbauteils der Alten Charité befand. Im Jahre 1921 sollte diese jedoch möglichst in die dritte Etage der Hals-Nasenklinik verlegt werden. Um von Anfang an eine Verunsicherung der Patienten und ihrer Angehörigen zu vermeiden, legte Killian Wert darauf, dass diese nicht »Infektionsabteilung«, sondern einfach »3. Abteilung« (neben der Männer- und der Frauenabteilung) genannt wurde. Wieviele Betten diese Abteilung hatte und was aus ihr später wurde, ließ sich bisher nicht eruieren.

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Die Vereinigung der HNO-Heilkunde zu einem Fachgebiet an der Charité und ihre Entwicklung bis 1945

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts kam es immer mehr zur Aufhebung der getrennten Behandlung von Hals-Nasen- und Ohrenleiden. Vor allem bei den praktisch tätigen Ärzten erwies sich die Behandlung dieser oft in morphologischem und pathophysiologischem Zusammenhang stehenden Erkrankungen als sinnvoll. An den Hochschulen vollzog sich der Prozess zögerlicher, musste man doch mit der Aufgabe der eben erst verselbstständigten Disziplin und somit auch des Lehrstuhls rechnen. Während in Rostock unter Otto Körner 1899 eine einheitliche Klinik für den ersten deutschen Ordinarius (1901) beider Spezialdisziplinen begründet wurde, gehörte Berlin neben Frankfurt (1929) und München (1934) zu den Hochschulen, an denen die Vereinigung von Otologie und Laryngologie erst spät vollzogen wurde.

K. A. Passow, der die Ohrenklinik der Charité leitete, war bereits frühzeitig ein überzeugter Streiter für eine Vereinigung beider Fachgebiete. Sein 1908 gehaltener Vortrag »Otologie und Laryngologie - Vereinigung oder Trennung« stellte in überzeugender Weise seine Position dar. Demgegenüber waren die Altmeister der Laryngologie Fränkel und Killian nicht bereit, die soeben gewonnene akademische Anerkennung als eigenes Fachgebiet wieder aufzugeben, zudem sie auch im Gegensatz zu vielen jungen Kollegen aber auch zu Passow nicht in beiden Spezialgebieten ausgebildet waren.

Bereits 1911, nach dem Rücktritt Fränkels, hatte Passow sich im Sinne eines Beschlusses der Berliner Medizinischen Fakultät um die Zusammenlegung der Ohrenklinik und der Hals-Nasenklinik an der Charité bemüht, doch Fränkel, der von diesen Plänen erfuhr, machte rechtzeitig seinen Einfluss bei der Berufung des damals berühmtesten deutschen Laryngologen nach Berlin geltend. Fränkel hatte bereits 1909 geäußert: »Umgeben wir die Laryngologie mit einem dichten Pallisadenwall wissenschaftlicher Arbeiten und sie wird uneinnehmbar sein.«

Mit der Berufung Killians war für Passow eine Zusammenlegung der Kliniken für längere Zeit außer Sicht und er musste sich damit begnügen, seine Klinik fortan Ohren- und Nasenklinik nennen zu dürfen und Vorlesungen auch über die Erkrankungen der Nase zu halten.

Das Verhältnis zwischen Laryngologen und Otologen wurde erst besser, als nach dem unerwarteten Tode Killians sein Schüler Carl v. Eicken 1922 den vakanten Lehrstuhl an der Charité unter der Bedingung übernahm, das gesamte Gebiet der Hals-Nasen- und Ohrenheilkunde lehren zu dürfen. Diese Forderung konnte man nicht abschlagen, da dieser in Giessen bereits seit 10 Jahren die Leitung der Universitäts-HNO-Klinik innehatte.

Ab 1922 galt dann Passows Klinik als I. und v. Eickens Klinik als II. Hals-Nasen- und Ohrenklinik an der Charité. In beiden Kliniken wurde sowohl die Zahl der Betten als auch die der Assistenten einander angeglichen. Der Hörsaal der Laryngologischen Klinik wurde umfunktioniert und die Poliklinik auf 23 Arbeitsplätze erweitert. Auch entstanden ein ambulanter Operationssaal, ein Endoskopieraum und zwei Räume für Hör- und Gleichgewichtsprüfungen. Als neue Abteilung wurde in den Räumen der Laryngologischen Klinik die Allergie-Abteilung eröffnet, in der sich u. a. auch eine Luftfilterungsanlage befand. Außerdem schuf man ein klinikeigenes bakteriologisches Laboratorium und eine Abteilung für Kohlenbogen-Lichtbehandlung.

Entgegen der Meinung einiger Fachvertreter beschloss die Fakultät nach dem Tode Passows (1926) die Zusammenlegung beider Kliniken, die seit 25 Jahren nebeneinander existiert hatten. Um Verwechslungen zu vermeiden, soll bereits an dieser Stelle darauf verwiesen werden, dass in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg an der Charité neben der I. vorübergehend auch eine II. HNO-Klinik wieder existierte, die sich bis 1963 im Klinikum Ziegelstraße befand.

Das Universitätsarchiv enthält für das Jahr 1931 Eintragungen über 18 728 neue Patienten der HNO-Klinik und weitere 11 421 Patienten in der Stimm- und Sprachabteilung. Neben dem Ordinarius Prof. v. Eicken gehörten zur Klinik 2 Oberärzte, 33 Assistenten, 7 Praktikanten und 50 Famuli.

Zum herausragenden Ereignis an der Berliner Universitäts-HNO-Klinik der Charité wurde die Vorbereitung und Gestaltung des III. Internationalen Oto-Rhino-Laryngologenkongresses 1936. Ein Hauptthema des Kongresses, der mehr als 800 Gäste aus über 36 Ländern an der v. Eickenschen HNO-Klinik zusammenführte war unter anderem die Entwicklung neuer Hörgeräte.

Während des zweiten Weltkriegs war die Funktionsfähigkeit der Klinik infolge der Einberufung vieler Ärzte stark eingeschränkt. Bei den Bombenangriffen 1943 wurde die Charité empfindlich getroffen. Aus diesem Grunde verlegte man einen Großteil der Patienten aus der HNO-Klinik in das Klinikum Berlin-Buch. Dennoch wurden an der Charité einzelne HNO-Patienten 1945 wieder im chirurgischen Operationsbunker Sauerbruchs operativ versorgt.

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Die Entwicklung der HNO-Klinik Charité Campus Mitte von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart

Unter den Ordinarien der Charité zählte v. Eicken zu denjenigen, die sich nach 1945 in besonderer Weise für den Erhalt und den Wiederaufbau des Klinikums und die Wiederaufnahme der Patientenversorgung und des Lehrbetriebes unter den Bedingungen der sowjetischen Besatzungszone engagierte. Noch im Mai 1945 richtete er im Kellergeschoss wieder eine Poliklinik ein. Bis zum Einbruch des Winters 1945 war es das Ziel, 55 % der Räume winterfest zu machen. Im Gegensatz zu der einst großen Zahl von Mitarbeitern waren neben v. Eicken und seinen zwei Oberärzten nun nur noch zwei kommissarisch eingesetzte Stabsärzte tätig. Auch die Wiederaufnahme der Arbeit in der Abteilungen für Stimm- und Sprachstörungen sowie der phonetischen und elektroakustischen Laboratorien bedurfte besonderer Anstrengungen. Mit der 1. wissenschaftlichen Tagung im Sommer 1946 an der HNO-Klinik begann dann aber auch der wissenschaftliche Erfahrungsaustausch wieder.

v. Eickens Nachfolger wurde 1951 sein Schüler Alfred van Treeck. Er war zeichnerisch hochbegabt und stattete medizinische Atlanten mit seinen Zeichnungen aus. Seine technischen Fähigkeiten bewiese er mit der Konstruktion eines Nasen-Rachen-Endoskops und eines Otoskops. Schon bald nach einem Amtsantritt geriet Schulz van Treeck in einen Konflikt mit den Ost-Berliner Behörden, die einige in West-Berlin wohnende Mitarbeiter – die Stadt war inzwischen geteilt – nicht mehr beschäftigen wollten. Er legte sein Amt für längere Zeit nieder, bis eine zufriedenstellende Regelung erreicht war. Der lebhafte, künstlerisch begabte Mann starb 1958 unerwartet, erst 54 Jahre alt.

Als Nachfolger wurde 1959 Konrad Fleischer berufen. Als im Sommer 1961 die Grenzen nach Berlin und Westdeutschland geschlossen wurden, befand sich Fleischer mit seiner Familie im Urlaub außerhalb der damaligen DDR. Er kehrte nicht zurück und blieb in Westdeutschland.

Die Leitung der Klinik wurde - zunächst kommissarisch - der Chefärztin der HNO-Klinik in der Ziegelstraße, Isolde Kaiser-Meinhardt übertragen. 2 Jahre später - sie hatte inzwischen habilitiert - wurde sie auf den Lehrstuhl berufen.

Seit Ende des 2. Weltkrieges gehörten zur Charité vorübergehend wieder 2 Universitäts-HNO-Kliniken, die I. Universitäts-HNO-Klinik im Gebäude Luisenstraße und die II. Universitäts-HNO-Klinik im Gebäude Ziegelstraße. Die Lucaesche Ohrenklinik in der Ziegelstraße war erhalten geblieben, um die konsiliarische Betreuung der benachbarten Kliniken zu gewährleisten. Unter der Leitung von Maximilian Weingärtner – Schüler Killians – wurde aus der Ohrenklinik der Ziegelstraße eine Hals-Nasen-Ohrenklinik. Nach Zerstörung im 2. Weltkrieg und Wiederaufbau unter der Leitung von Frau Prof. Isolde Kaiser-Meinhardt entstand wieder eine funktionsfähige Klinik, die von 1945-1963 als „II. Universitäts-HNO-Klinik“ bezeichnet wurde. Nach Übernahme des Lehrstuhls an der Universitäts-HNO-Klink in der Charité wurde die Klink in der Ziegelstraße in eine HNO-Poliklinik umgewandelt und 1969 ganz geschlossen.

Nach dem Ausscheiden Kaiser-Meinhardts wurde 1974 Hans-Jürgen Gerhardt ihr Nachfolger als Klinikleiter und Lehrstuhlinhaber an der Charité. Die Arbeitsbedingungen beim Amtsantritt waren schwierig. Angesichts der Abgrenzung der damaligen DDR gegen das westliche Ausland drohte die Gefahr der Isolierung und Provinzialisierung. Zusammen mit den Mitarbeitern gelang es, auf allen Gebieten des Faches den aktuellen Stand der Entwicklung zu halten und internationale Verbindungen zu knüpfen. Erleichtert wurde das dadurch, dass seitens der Staatsorgane der DDR die Charité hinsichtlich ihrer Ausstattung als Spitzeninstitut eingestuft und gefördert wurde.

Bis zum Jahre 1981 waren Klinik und Poliklinik, Lehre und Forschung im Gebäude Luisenstraße 13 unter einem Dach untergebracht. 1982 wurde erstmals seit der Jahrhundertwende an der Charité wieder eine große Baumaßnahme durchgeführt. Es entstand ein 20-geschössiges Hochhaus. Nach Fertigstellung des sog. COZ (Chirurgisch-orientiertes Zentrum) wurden der stationäre klinische Bereich und ein Großteil der Forschungsabteilungen in diesen Gebäudekomplex verlegt. Die HNO-Klinik in der 18. Etage verfügte danach über 80 Erwachsenenbetten und 14 Betten auf einer interdisziplinären Kinderstation. Für die operative Tätigkeit standen ein ambulanter Operationssaal und drei stationäre Operationssäle zur Verfügung. Die Operationsstatistik der HNO-Klinik aus dem Jahre 1992 wies u. a. folgendes Operationsprofil aus: 93 neurochirurgische Eingriffe (u. a. Akustikusneurinome, Hypophysenadenome, Liquorfisteln), 142 große Geschwulstoperationen mit plastischen Rekonstruktionen (u. a. Mikrogefäßanastomosen, Fernlappen), 31 Innenohrprothesen, 1219 mikrochirurgische Eingriffe in den Bereichen des Mittelohres, der Speicheldrüsen, des Kehlkopfes, der Nasennebenhöhlen, 231 Lasereingriffe und 52 Operationen zur plastischen Rekonstruktion der Trachea.

In einer zweiten Baustufe entstanden bis Ende 1985 – hauptsächlich durch Rekonstruktion des alten Klinikgebäudes in der Luisenstraße 13 und teilweise durch weitere Neubauten – eine Zentrale Poliklinik, eine Zentralapotheke sowie Werkstatt- und Lagergebäude. Nach der Rekonstruktion befinden sich im Gebäudekomplex Zentrale Poliklinik gegenwärtig u.a. die HNO-Poliklinik, die phoniatrisch-pädaudiologische Abteilung sowie das Tinnituszentrum.

Nach dem Fall der Mauer kam es im Rahmen der Umstrukturierung der Berliner Hochschulmedizin 1993 zu einer Reduzierung der Kapazität aller Kliniken der Charité. Die Hals-Nasen-Ohrenklinik verfügte danach noch über 65 Betten auf je einer septischen und einer aseptischen Station. Hinzu kamen 8 Kinderbetten, die auf einer interdisziplinären Kinderstation belegt werden konnten. Konrad Haake übernahm nach der Berentung Gerhardts 1993 die kommissarische Leitung der HNO-Klinik.

1995 wurde das bisher der Freien Universität Berlin gehörende Universitätsklinikum Rudolf-Virchow der Humboldt-Universität zugeordnet. Volker Jahnke, Leiter der HNO-Abteilung im Virchow-Klinikum, übernahm nun auch die Leitung der HNO-Klinik in der Charité (mit 70 Betten sowie 27 Ärzten und sonstigen akademischen Mitarbeitern). Nach weiterer Reduktion der Bettenzahl und Zahl der Mitarbeiter sowie Verlagerung der Kinderbetten in den Campus Virchow konnte im Campus Mitte ein Bettenbestand von 40 Betten auf 2 Stationen (30 Betten Station 135, 10 Betten Station 134) gehalten werden.

Nachdem es dem Berliner Senat aufgrund der massiven Proteste nicht gelungen war, das Uniklinikum Benjamin Franklin in Steglitz zu schließen, wurde der Landeszuschuss für Forschung und Lehre im Bereich Medizin kurzerhand um 98 Millionen Euro gekürzt, exakt den Betrag, der dem Klinikum Benjamin Franklin zur Verfügung gestanden hätte. Dieses wurde nun nicht geschlossen, dafür sein Etat einfach aus den Landesbüchern des Haushalts gestrichen. Damit das Uniklinikum nicht mittellos blieb, erlebte Berlin 2003 eine spektakuläre Elefantenhochzeit, die Fusion der Medizinischen Fakultäten und Uniklinika der Humboldt- und der Freien Universität zur "Charité - Universitätsmedizin Berlin". Im Mai 2003, nach der Pensionierung von V. Jahnke übernahm Hans Scherer als Chef der HNO-Abteilung des Universitätsklinikums Benjamin Franklin auch die Leitung der HNO-Klinik der Charité Campus Mitte.

Die Patienten im ambulanten Bereich der HNO-Poliklinik der Charité am Campus Mitte werden heute an vier Arbeitsplätzen versorgt. Hinzu kommen je zwei ärztliche Arbeitsplätze in der phoniatrisch-pädaudiologischen Abteilung und im 2000 gegründeten Tinnituszentrum, sowie je eine Arbeitseinheit in der audiologischen und in der allergologischen Abteilung. Dem breiten Profil der Klinik tragen außerdem Spezialsprechstunden für onkologische Patienten, Patienten mit Fazialisparesen, Luftwegsstenosen, Ohrmissbildungen, rhinologische Problempatienten, schlafbezogene Atmungsstörungen, zervikalen Schwindel, Otoneurologie sowie eine Laser-Sprechstunde Rechnung.

Seit März 2010 leitet Frau Prof. Dr. med. Heidi Olze die HNO-Klinik an den Campi Mitte und Virchow-Klinikum.

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